Erfahrungsbericht von PPP-Stipendiatin Elena über ihr Austauschjahr in den USA

2. September 2015

Eine lange Reise liegt hinter mir. Ungefähr 8 Stunden dauerte der Flug vom JFK Flughafen in New York City bis nach Frankfurt, doch die eigentliche Reise, mein kleines großes Abenteuer, begann schon Monate zuvor. Im Sommer 2013, also vor zwei Jahren, hörte ich zum ersten Mal von dem PPP-Stipendium und ich erinnere mich noch lebhaft an all die Schritte, die mich über sämtliche Bewerbungen, Formulare, Vorbereitungen und Kofferpack-Sessions letztlich bis über den Atlantik nach Amerika geführt haben.

Ich hatte meine Gastfamilie bereits im April 2014 bekommen und sie durch Emails und Skypeanrufe auch schon ein bisschen kennengelernt. Es war allerdings etwas völlig anderes, sie tatsächlich zum ersten Mal zu treffen. Nach dem Arrival Camp mit meiner Organisation AFS in Princeton, wurde ich von meinen Gasteltern Kim und Bruce und meiner damals 17-jährigen Gastschwester Kat abgeholt.

Meine Gastfamilie war toll! Es ist etwas so Selbstloses und Großzügiges, einem fremden Kind seine Türen und Herzen zu öffnen und die Art und Weise, wie sie sich um mich gekümmert haben, hat mir sofort das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. Meine Gasteltern habe ich schon nach der ersten Woche Mom und Dad genannt und mich auch dementsprechend mit ihnen verbunden gefühlt. Mom hat mich überall hingefahren, Papierkram erledigt und mir alle Fragen beantwortet während Dad mit mir Witze gemacht und tiefergehende Gespräche geführt hat. Meine Familie war und ist extrem „busy“ mit ihrer Arbeit und unzähligen Freunden, Vereinen und Aktivitäten, mit denen sie die ganze Woche über beschäftigt waren. Dieser Lifestyle hat auch schnell auf mich abgefärbt und so habe ich relativ wenig Zeit zu Hause verbracht und immer etwas unternommen.

Die Cherry Hill East High School war mit circa 2400 Schülern um Einiges größer, als ich es von meiner deutschen Schule gewohnt war und hatte auch deutlich mehr zu bieten. Von den verschiedensten Sport- und Clubangeboten, über Spirit Week und Homecoming zu Prom. Meine Schule hatte weniger von dem so typisch amerikanischen School Spirit, dennoch spürte man ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, Engagement und Begeisterung, besonders bei Sportveranstaltungen und Wettbewerben. Es wurden viele Dinge geboten und auch die Lehrer waren sehr engagiert und hilfsbereit. Jederzeit konnte man sie über Email bei Fragen erreichen und vor und nach der Schulzeit standen sie für Schülerhilfe zur Verfügung. Das Niveau an meiner Schule war, anders als mir im Vorhinein über das amerikanische Schulsystem gesagt wurde, ziemlich hoch und anspruchsvoll. Viele Schüler waren im Sport oder Clubs aktiv. Ich habe im Herbst beim alljährlichen Spirit Dance mitgetanzt und Powderpuff (Football für Mädchen) gespielt und sowohl im Winter als auch im Frühling Leichtathletik gemacht, wo der Teamgeist besonders spürbar war. Sport in den USA wird sehr ernstgenommen und ist extrem anspruchsvoll, aber eben auch eine gute Gelegenheit, Freunde zu finden.

Die amerikanische Mentalität ist sehr offen und freundlich und wird besonders von Deutschen oft mit Oberflächlichkeit verwechselt. Mir persönlich hat Vieles davon gefallen und fehlt mir jetzt in Deutschland, allerdings habe ich sehr schnell gelernt zu unterscheiden wann jemand ernst meint, was er sagt, und wann jemand nur nett sein will. Recht schnell glaubte ich, gute Freunde gefunden zu haben, die sich dann jedoch nicht als allzu nette Menschen herausgestellt haben. Letztendlich habe ich jedoch die besten Freunde gefunden, die ich mir hätte wünschen können, und die mein Auslandsjahr so unvergesslich gemacht haben. Heimweh, was vorher meine größte Sorge war, kam überhaupt nicht auf, was hauptsächlich daran lag, wie glücklich ich war und wie vollgepackt jeder Tag war, dass kaum Zeit fürs Vermissen blieb. Auch mit der Sprache lief alles super und ich hatte nie Probleme.

Was meine Austauschorganisation AFS betrifft, habe ich nur wundervolle Dinge zu sagen. Von meinem lokalen Team in New Jersey wurde ich bestens betreut und habe viele schöne, zusammenhaltstärkende Dinge unternommen. Ich habe mich von AFS bestens vorbereitet und durch mein Auslandsjahr begleitet gefühlt. Die Gastfamilien wurden sorgsam ausgewählt und jedem Schüler ein sogenannter Liaison zugeteilt, welcher in der Nähe wohnt und mindestens einmal pro Monat Kontakt in Form von Telefonaten und hauptsächlich persönlichen Treffen aufgenommen hat. Es war nicht nur viel Spaß, sondern auch eine große Bereicherung, all die Austauschschüler aus der ganzen Welt kennenzulernen und sich über deren Kulturen auszutauschen. Es ist toll, sagen zu können, dass man Menschen in Thailand, Brasilien, Kamerun, Island und vielen anderen Orten der Welt kennt und dort jederzeit einen Platz zum Schlafen hätte. Da das PPP auch für soziales Engagement und ehrenamtliche Arbeit steht, bin ich unter Anderem dem „Habit For Humanity Club“ in meiner Schule beigetreten, wo wir geholfen haben, ein Haus für Bedürftige zu bauen. Außerdem habe ich bei „Mothers Matter“ Geschenke für Muttertag verpackt.

Leider bin ich nicht ganz so viel durch die USA gereist, wie ich mir gewünscht hätte, allerdings verbrachte ich fast jedes Wochenende in Philadelphia, das nur 30 Minuten von mir entfernt war. Mit meiner Gastfamilie habe ich Kims alte Freunde in ihrer Heimat Ohio besucht, habe Washington DC besichtigt und war insgesamt rund acht Mal in New York City, sowie auch einige Male am Strand von Ocean City. Ich kann nur über den Teil des Landes und dessen Menschen reden, in dem ich ein Jahr verbracht habe, aber was ich gesehen und erlebt habe, war wunderschön und in jeder Hinsicht eine tolle Erfahrung.

Zwei meiner Highlights des Jahres waren Junior- und Senior Prom (Abschlussball), zu denen ich von zwei Jungs gefragt wurde. Nach einigen Stunden mit meiner Freundin Katie vor dem Spiegel, war ich bereit für zwei der spannendsten und besten Abende überhaupt, während der Highschoolzeit.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich wollte wirklich nicht zurück nach Deutschland gehen, war nicht bereit Amerika zu verlassen, da ich auch dort ein wundervolles zu Hause gefunden hatte. Natürlich freute ich mich, meine Familie und deutsche Freunde wiederzusehen, doch ohne Aussicht, bald zurückkommen zu können, war der Abschied für mich unsagbar schmerzhaft vorzustellen. Andererseits hatte ich während meines Auslandsjahres eine Art Stolz entwickelt, Stolz, Deutsche zu sein. Mit meinen Freunden hatte ich kleine Streitereien, welches Land das bessere sei, wohl wissend, dass beide Länder gleichermaßen fantastische Orte sind, um zu leben, beide einzigartig und großartig. Dennoch wollte ich mein Leben in den USA und die Menschen, die ich kennen und lieben lernte und die Erlebnisse, die ich zu schätzen gelernt hatte, nicht aufgeben. Wieder in Deutschland ist die anfängliche Freude, alle wiederzusehen, schnell der Traurigkeit über das zurückgelassene Leben gewichen. Genau wie anfangs in Amerika, habe ich auch zurück in Deutschland alles mit dem anderen Land verglichen und mir wurden all die Dinge bewusst, die mir wichtig sind und jetzt fehlen. Nach zwei Wochen jedoch, als es mir schon viel besser ging, bemerkten meine Familie und ich ein Phänomen, das ich glaubte, in Amerika zurückgelassen zu haben. Meine Heimatverbundenheit zu Deutschland ist jetzt, nachdem mein Auslandsjahr vorbei ist, zu einer wahren Liebe zu meinem Land gewachsen. Wo immer ich hingehe, mache ich Fotos von schönen Orten oder alltäglichen Sachen, die erst jetzt einen Wert für mich haben. So kam ich mir wie ein Touri vor, als ich Fotos über Fotos von vielen Burgen am Rhein, Schlössern in der Pfalz oder von Plätzen in Düsseldorf gemacht und sie dann weiter nach New Jersey geleitet habe. Oder jeden meiner Eiskaffeebesuche genauestens dokumentiere, da es in Amerika meiner Meinung nach kein vernünftiges Eis gibt (Eis ist noch nicht einmal etwas Deutsches, aber warum die Amis nicht trotzdem neidisch machen?

Meine beste Freundin Katie wird mich im Dezember in Deutschland besuchen und seit ich wieder zurück bin, haben sowohl sie, wie auch andere Freunde von mir angefangen, Deutsch zu lernen. Ich kann es kaum erwarten, beiden mein Land zu zeigen, wo ich ihres für ein ganzes Jahr kennen- und lieben lernen konnte! Wenn alles gut geht und wir unsere Plänen umsetzen können, werden meine Familie und ich nächsten Sommer die Westküste bereisen und ich anschließend alleine noch zwei Wochen in meiner zweiten Heimat Cherry Hill verbringen. Es gibt so viele Dinge, auf die ich mich freuen kann und die mir zeigen, dass mein Auslandsjahr noch nicht zu Ende ist. Meinen Traum von einem Auslandsjahr hatte ich schon, seit ich elf Jahre alt war, und dafür, dass er mir durch das PPP ermöglicht wurde, bin ich unendlich dankbar. Dieses Jahr hat mein Leben so stark geprägt, dass mich die Dinge, die ich gelernt und mitgenommen habe, für mein restliches Leben begleiten werden.

„Home is where your heart is“, und da ich es in nun schon zwei Orten gelassen habe und hoffentlich noch einige dazukommen werden, kann ich mit einem Lächeln sagen: „See you soon, America. It’s been amazing“.

 

Bild: Elena mit ihrer amerikanischen Gastfamilie (Ⓒ Elena Rettweiler)